Holger Grünwedel

Holger Grünwedel

Themen, Meinungen, Informationen

Griechenland

Stimmung in Griechenland 2015

Bericht abseits des Mainstream

Als ich im Mai dieses Jahres in Griechenland war, gab es eine Stimmung von Hoffnung auf eine Lösung der Krise. Was jedoch immer wieder bei Gesprächen auffiel, war die Unkenntnis über die Mitgliedschaft Griechenland in der EU und im Euro. Schon bei meinem Besuch 2014 wollten die meisten Griechen in der EU und im Euro bleiben, weil sie daran glaubten, dass nur dies ihren erreichten Wohlstand sichern würde. Dazu kam auch noch die Überzeugung, dass sie sich bald an dem Wohlstand in Deutschland anschließen könnten. Was mich seitdem interessiert war, woher diese Meinung kommt. Eine Griechin erklärte mir, das würde an Frau Merkel liegen, denn schließlich habe sie gesagt, dass man in Deutschland im Durchschnitt über 3500 Euro verdienen würde. Deshalb ist z.B. ein Feuerwehrmann mit 20-jähriger Berufserfahrung, der 1500 Euro in Griechenland verdient, der Meinung, er würde in Deutschland 4000-5000 Euro verdienen. Aber natürlich haben auch die griechischen Medien, Banken und auch Politiker dazu beigetragen, diese falsche Meinung zu bilden, man hat den Leuten eine Welt vorgespielt, die so nicht existiert. So wurden Kredite an vielen Hausbesitzer und Eigentümer von Grundstücken verkauft, um Ferienwohnungen zu bauen, die sich angeblich durch die Vermietung alleine bezahlen würden. Die Deutschen hätten so hohe Einkommen, da könne man 100 Euro am Tag einnehmen, was sich dann als falsch herausstellte. Nun stehen viele leer und die Kredite können nicht bedient werden, hinzu kommt die steigende Arbeitslosigkeit. Wenn jetzt die Zwangsversteigerungen kommen, dann werden viele Griechen ihren ganzen Besitz verlieren. Dazu muss man wissen, dass viele dieser Grundstücke seit Generationen den Familien gehören, was dazu beigetragen hat, dass Wirtschaftskrisen nicht zu Hunger führten, schließlich ermöglichte dieser Grundbesitz vor allem Oliven- und Weinanbau sowie Obst und Gemüse, Schaf- und Ziegenhaltung für den Eigengebrauch.

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Der meiste Grundbesitz ist zu klein, um damit wirtschaftlich größere Erträge zu erwirtschaften.

Zwangsversteigerungen drohen wie in Spanien

Wenn jetzt als Folge die bisherigen ausgesetzten Zwangsversteigerungen viele Familien ihren Grundstücksbesitz verlieren, dann wird Griechenland eine Armut erleben, die es bis jetzt nicht kannte.

Doch die größte Überraschung erlebte ich gleich nach meiner Ankunft im August. Ein Grieche berichtete mir darüber, dass Strände schon verkauft worden seien, was der Forderung von Schäuble entspricht. Dass einige Griechen zu mir Vertrauen hatten kam daher, dass ich ihnen im Mai voraussagte, dass die Banken schließen und die Geldautomaten kein Geld mehr ausgeben werden und auch dass diese Syriza-Regierung Strände verkaufen wird, was jeder Grieche, den ich traf, für unmöglich hielt. Denn so etwas hatten sich nicht einmal die Vorgängerregierungen getraut. Doch wir Deutschen wissen schließlich, wer Hartz-IV eingeführt hat, und die damalige rot-rote Landesregierung in Berlin hat das Blindengeld gekürzt, was sich eine CSU nicht getraut hätte. Schließlich war Syriza dazu da, den Ausverkauf des Landes und den Sozialkahlschlag durchzusetzen, wozu Konservative Parteien nicht in der Lage waren, wegen der zu erwartenden Proteste. So läuft es seit Jahren in Europa.

Der Verkauf der Strände zu diesem Zeitpunkt lässt nur eine Vermutung zu, nämlich dass dieser Verkauf schon lange vor dem Referendum vorbereitet wurde, denn so schnell arbeitet keine Bürokratie und schon gar nicht die griechische. Die meisten Griechen in den betroffenen Gemeinden an der Küste wussten nichts von dem Verkauf. Mir war bekannt, dass dieser Küstenabschnitt unter Naturschutz steht und dass auch dies von der EU anerkannt ist. So könnte man eine kommerzielle Nutzung verhindern, war meine Idee. Bevor ich Griechenland im September verließ, hatten sich schon Griechen getroffen und sie verabredeten, dass, sollte jemand einen Bauantrag an den verkauften Stränden stellen, sie dagegen aktiv werden würden.

Die Krise

Während meiner Reisen durch das Land ist die Krise sichtbar geworden. Wo es noch letztes Jahr Geschäfte gab, waren ganze Straßenzüge mit leeren Shops.

Die Stimmung im ganzen Land war verheerend. Hoffnung auf eine bessere Zukunft war kaum noch vorhanden, jedoch ein Zurück zur alten Führung wollten auch nur die Wenigsten.

Wahlen

Syriza_in_Krestena

Syriza in Krestena

Der Wahlkampf wurde erst in der letzten Woche sichtbar, obwohl das politische Geschehen immer Thema in den Tavernen war und das griechische Fernsehen dem Wahlkampf breiten Raum einräumte. Viele wussten nicht, wen sie wählen sollten. Das Ergebnis, nur knapp über 50% Wahlbeteiligung, war so vorauszusehen. Die Befürchtung, dass die Rechten größere Stimmenanteile bekommen würden, ist aktuell nicht zu befürchten und auch ein Wiedererstarken der alten Parteien (PASOK, Neo Demokratia) stellt keine Alternative dar. Dafür sind die historischen Erfahrungen noch zu gegenwärtig.

KKEWahlplakate

KKE Wahlplakate

Syriza hat seine Glaubwürdigkeit verloren und wird weiter an Zustimmung verlieren. Die dann noch vorhandene Alternative KKE ist aufgrund der Geschichte zu belastet und kann keine Alternative außer der Revolution anbieten.
Die Forderung nach dem Austritt aus der EU, dem Euro und der NATO findet keine größeren Anhängerschaft. Die Hoffnung auf eine Besserung der Lage wird mit der Mitgliedschaft in der EU und dem Euro verbunden. Die schon sichtbaren Ergebnisse der neoliberalen Politik der Vergangenheit lehnen die Griechen ab.

Neoliberalismus

Ein Golfplatz mit eigenem Wasserspeicher in einem Land, in dem es Wassernot gibt. Für die meisten Griechen ist der Zutritt verboten, wer kann schon 80 Euro für einen Whisky bezahlen. Wo die Gäste mit dem Hubschrauber kommen, so ist die Welt der Herrschenden und ihrer willfährigen Helfer. Wer braucht eine solche Welt, die Griechen nicht.

So wird Griechenland eine schwere Zeit bevorstehen, in der das Land und die Menschen mehr ausgeplündert werden als sie sich das bis jetzt vorstellen können. Für viele Griechen ist die gesamte politische Klasse unglaubwürdig geworden und sie wenden sich enttäuscht von dieser ab. Doch vielleicht gelingt es den Griechen, die über die Begabung verfügen, sich immer irgendwie durchzukämpfen und staatliche Maßnahmen zu unterlaufen, so die Krise zu meistern und so manchen Investoren die Suppe zu versalzen.

Antwort auf die Krise

Um die Arbeitsproduktivität zu steigern, wurden die zu hohen Löhne immer wieder als Argument von den neoliberalen Ideologen angeführt. Doch nun ist die Lösung in Griechenland, dass die Flüchtlinge für unter 20 Euro am Tag arbeiten – die in Griechenland lebenden Bulgaren bekamen bisher 30 Euro am Tag und werden dadurch verdrängt. Diese Realität ließ mir bei der Berichterstattung über die Flüchtlinge in Deutschland kein gutes Gefühl aufkommen. Die neuen Flüchtlinge sind die neuen billigen Arbeitskräfte in Europa. In Griechenland und Spanien ist es schon Realität. Diese Preise wie sie auf dem Bild zu sehen sind, sind ausschließlich nur durch die Ausbeutung der Flüchtlinge möglich.

Dass die Zahlen über den Tourismus mit Vorsicht zu genießen sind, zeigt dieses Bild. Um die Zahlen für den Tourismus zu erhöhen, werden die Kreuzfahrtschiffe mitgezählt, deren Gäste Griechenland nur wenige Stunden besuchen. Ein Kreuzfahrtschiff hat ca. 2000-3000 Passagiere. Damit lässt sich die Statistik leicht schönen.

Zum Schluss möchte ich noch über die in den letzten Monaten immer wieder zu lesende Feindlichkeit gegenüber Deutsche in Griechenland schreiben. Solche Berichte gehören in der Abteilung billiger Propaganda, denn sicher gibt es viele Griechen, die Merkel und Schäuble ablehnen, die jedoch sehr wohl unterscheiden können. Es gibt aber auch Anhänger von Merkel und Schäuble. Für jede Art deutscher Berichterstattung kann man einen Griechen finden, doch das ist nicht die Stimmung im Lande. Viele Griechen begrüßten einen freundlich und fanden es gut, dass ich als Deutscher in Griechenland war, denn die Deutschen, die trotz der Krise nach Griechenland kamen, müssten Freunde sein, und dementsprechend wurde man auch behandelt. Einladungen zu privaten Feiern und Besuchen waren keine Ausnahme.

Es ist schade, wie ein so schönes Land von der wirtschaftlichen und politischen Elite Europas zerstört wird. Allen voran ist hier Deutschland aktiv, ob griechische Flughäfen nach Deutschland verkauft werden oder die Deutsche Telekom, Siemens und natürlich Lidl in Griechenland vertreten sind, von keinem anderen Land sind so viele Unternehmen dabei, sich an Griechenland zu bereichern.

Die sichtbarste EU-Hilfen sind die in den letzten Jahren entstanden Fährhäfen in Patras und Iqoumenitsa. Diese wurden zu befestigten Häfen umgebaut, mit NATO-Draht und Flutlicht gesichert, damit nur kein Flüchtling auf eine Fähre gelangt, jedes Fahrzeug muss nun durch eine Kontrolle fahren.

Die aktuelle akute Situation in Griechenland fordert ein komplexes Konzept, um das Land vor dem Abgrund zu retten. Die weiterhin praktizierende wirtschaftliche Plünderung und die Durchführung der Austeritätsprogramme durch die EU-Eliten mit gleichzeitiger Überforderung der Politik in Bezug auf die Flüchtlingswellen lässt zum einen eine ethische Frage stellen, wie mit der Wiege der Demokratie umgegangen wird, und zum zweiten eine Frage an die Politik. Die bisherigen Konzepte von den Konservativen, Liberalen, Sozialdemokraten und Linkssozialisten haben nur Sozial- und Demokratieabbau sowie eine militaristische Außenpolitik hervorgebracht.

Text und Bild Holger Grünwedel der seit 2008 regelmäßig Griechenland besucht und im Jahre 2015 im Mai, August und September in Griechenland war.
Bilder und Text, auch Auszüge sind ausschließlich mit Quellenangabe zitierbar. Copyright:  Holger Grünwedel